Meine Geschichte veröffentliche ich vor allem für Frauen, denen man während ihrer Schwangerschaft die Diagnose "Windei" bzw. "Leerer Fruchtsack" stellt, und rate ihnen am Ende zu Geduld.

Albert Einstein, Du hast Dich geirrt:

...und Gott würfelt doch!

Am Freitag, den 13. Mai 2005 habe ich geheiratet: Kein Aberglaube, also keine Gefahr. Meine Frau brachte aus erster Ehe einen damals neunjährigen Sohn mit - ein braves, liebes Kind. Doch wir wollten ein weiteres, ich ein "selbstgemachtes" ;-) Es wurde bis heute ein ziemlicher Akt...

Im Sommer 2005 war meine Frau zum ersten Mal in unserer Ehe schwanger. "Hurra!" frohlockte ich, naiv davon ausgehend, daß ich nun Vater werden würde. Nach einigen Wochen jedoch, ich weiß nicht mehr genau wieviele, wurde klar, daß ich mich zu früh gefreut habe: beta-HCG, das sogenannte "Schwangerschaftshormon" stagnierend, mit Ultraschall schließlich die Diagnose "Windei", also ein leerer Fruchtsack. Kein Vater. Vielleicht lag es daran, daß während der Schwangerschaft mein Schwiegervater gestorben ist? Wir sind mit dem Auto zur Beerdigung nach Rumänien gefahren, und es war nervlich ein enormer Streß für meine Frau. Die Schwangerschaft wurde schließlich durch eine Abortabrasio, also eine Ausschabung, beendet.

Getreu dem Motto "Einmal ist keinmal!" wurde meine Frau im Frühjahr 2006 wieder schwanger. Ich bin damals aus Japan von einer zweiwöchigen Geschäftsreise zurückgekehrt, als sie es mir offenbarte. "Hurra!", dieses Mal aber schon etwas vorsichtiger. Alles hat aus meiner Sicht prächtig angefangen: Meiner Frau war laufend schlecht und der beta-HCG-Wert ist brav angestiegen. Leider hat sich im Ultraschallbild kein Fötus gezeigt: Erneut beim Frauenarzt die Diagnose "Windei", ein leerer Fruchtsack. Doch vor der zweiten Abortabrasio wollte meine Frau eine finale Ultraschalluntersuchung, und siehe da: Zwischen dieser und der letzten Aufnahme beim Frauenarzt gab es einen wesentlichen Unterschied - man erkannte ein "Eidotter" im Fruchtsack. Hoffend, daß sich vielleicht doch noch etwas ergeben könnte, haben wir ohne einen Abbruch der Schwangerschaft die Klinik wieder verlassen. Nach zwei weiteren Wochen die nächste Ultraschalluntersuchung beim Frauenarzt, ich (und auch meine Frau) gespannt wie ein Flitzebogen: Aber es hatte sich immer noch kein Fötus entwickelt, und frustriert haben wir schließlich die Ausschabung durchführen lassen - auch weil der ärztliche Hinweis auf gesundheitliche Risiken für meine Frau bei noch längerem Warten vorlag.

Nach zwei mißlungenen Schwangerschaften kommen Zweifel auf an der eigenen Zeugungsfähigkeit, zumal uns niemand wirklich sagen konnte, was jeweils schiefging. Da hilft es auch nichts, wenn einem gesagt wird, daß so etwas immer wieder vorkommt, oder auch von Freunden plötzlich erfährt, daß sie ähnliches durchgemacht haben und zu guter letzt doch Eltern wurden (Es ist interessant gewesen, von einem Phänomen "Windei", daß ich bis dato gar nicht kannte, plötzlich zu hören, daß es weitverbreitet und wohl ganz normal ist!). Auf der Suche nach einer Antwort haben wir eine Untersuchung unseres Erbguts durchführen lassen, mit dem Ergebnis, daß wir keine "prinzipiellen" Probleme haben, sprich keine chromosomalen Auffälligkeiten vorliegen. Dieses doch erst einmal positive Ergebnis wird jedoch stark relativiert, wenn man sich im Detail ansieht, wie selten eine Untersuchung der Chromosomen wirklich Probleme beim Kindermachen erklären kann - es ist eher die Ausnahme. Meine Frau und ich haben daher eine Art Vereinbarung getroffen: Angesichts unserer beider nervlichen Belastungen und vor allem der körperlichen meiner Frau (Schwangerschaft, Ausschabung) würden wir es noch einmal versuchen und dann, sollte wieder etwas schiefgehen, damit endgültig aufhören. Immerhin haben wir noch den Sohn aus der ersten Ehe meiner Frau, und somit würde ich, wenn ich doch nicht leiblicher Vater wäre, auch nicht kinderlos durch's Leben ziehen...

Die nun dritte Schwangerschaft haben wir mit einem eigenen Test am Dienstag, den 12. Dezember 2006 festgestellt, dann gleich einen Termin zum Freitag, den 15. Dezember beim Frauenarzt gemacht. Die erste Ultraschalluntersuchung zeigte, wer hätte etwas anderes erwartet, nur einen leeren Fruchtsack, doch zum damaligen Zeitpunkt war das auch in Ordnung - die Schwangerschaft war noch zu jung, um etwas anderes sehen zu müssen. Deutlich zu erkennen war die Gelbkörperzyste, dennoch wurde uns nahegelegt, das Hormon Progesteron zusätzlich medikamentös zuzuführen - was meine Frau im Folgenden auch tat. Für die anstehende Untersuchung des beta-HCG wurde eine erste Blutentnahme vorgenommen. Am Montag, den 18. Dezember waren wir früh morgens zur zweiten Blutentnahme beim Frauenarzt, der uns abends anrief und mitteilte, daß der beta-HCG-Wert zwischen den beiden Messungen gut angestiegen sei und somit die Schwangerschaft bis dahin im "grünen Bereich" verliefe - was ich mir angesichts der Übelkeit, die meine Frau mit sich herumtrug, auch so schon habe denken können. "Hurra!".

Am Freitag, den 22. Dezember 2006 waren wir erneut zur Ultraschalluntersuchung beim Frauenarzt. Dort hörten wir im Vorfeld, daß der beta-HCG-Wert bei der letzten Messung vom 18. Dezember bei 36.000 lag und somit ein Fötus mit schlagendem Herzen im Ultraschallbild zu erkennen sein müsse. Ich also wieder auf's Äußerste gespannt. Doch: Nichts. Stattdessen gab es auf dem Schirm nur einen leeren Fruchtsack zu erkennen, und als der Arzt dann die entsprechende Eintragung in seinem Rechner vornahm sah ich meine Erblinie enden. Meine Frau weinend, haben wir den Worten des Arztes folgend einen Termin zur Abortabrasio am 27.12. in der Klinik zugestimmt. Weihnachten war verdorben. Wenigstens haben wir meinem nicht-leiblichen Jungen und meiner Schwiegermutter, die über diesen Winter hinweg bei uns zu Besuch ist, nichts weiter gesagt, so dass die beiden die "Geburt des Christkindes" feiern konnten...

Den beiden vorflunkernd, daß wir zur Arbeit müßten, haben wir uns früh morgens am Mittwoch, den 27.12.2006 auf den Weg in die Klinik gemacht. Es wurden die Aufnahmeformalitäten durchlaufen, das Krankenzimmer bezogen, und die Assitenzärztin kam zum Aufklärungsgespräch. Durchweg war unsere Stimmung im Keller... Meine Frau bestand auf eine letztmalige Ultraschalluntersuchung, die man laut dem Frauenarzt "machen kann, wenn man das will". Ich wartete in der Cafeteria, als die Assitenzärztin kam und mich in das Ultraschallzimmer rief. Was habe ich erwartet? Den Weg dorthin dachte ich noch, es wäre wie bei Schwangerschaft Nummer zwei, als man kurz vor der Abortabrasio einen Dottersack im Fruchtsack hat ausmachen können. "Jetzt wird es wieder kompliziert...", waren meine an mich selbst gerichteten Worte. Aber: Die Assitenzärztin hat nur kurz auf dem Monitor des Ultraschallgerätes auf einen Bereich gezeigt, als mir die Tränen kamen: "Man sieht ein Kind mit schlagendem Herzen!" habe ich noch herausgebracht, und dann mußte ich mich zusammennehmen: Es wäre zu früh, um sich zu freuen, so die Assitenzärztin - stimmt, das Kind ist noch lange nicht auf der Welt und die Schwangerschaft steckt noch mitten in ihrer kritischen Phase. Doch für mich galt nur: Es ist wieder Hoffnung da, und zudem waren wir noch nie so weit wie jetzt: Ein schlagendes Herz! Es lebt!

Es folgt nun ein Besuch beim Frauenarzt am 8. Januar 2007 zur Ultraschalluntersuchung. Ich bin dermaßen aufgeregt, ich kann es kaum erwarten. Hoffentlich geht alles gut! Es muß einfach klappen... Meine Frau nimmt wieder das Progesteron-Präparat zu sich, und gerade kam sie scherzhaft in mein Zimmer mit dem Hinweis, daß in der Drogerie um der Ecke Windeln im Angebot seien :-D

Wenn ich mir überlege, wie oft ich ich den vergangenen Monaten von Schwangerschaften gehört habe, die durch eine Ausschabung nach der Diagnose Windei beendet wurden sind, dann wird mir ganz mulmig. Wie viele dieser Diagnosen mögen noch falsch gewesen sein, und man hatte dann ein möglicherweise gesundes Kind entfernt und die Eltern um ihren Kinderwunsch gebracht? Ehe ich mit meinem Ingenieursstudium anfing habe ich gerne eine Runde im Riesenrad gemacht, bis ich dann lernte, was ein Sicherheitsfaktor ist und daß dieser bei der Konstruktion der Stahlelemente immer mit in die Berechnungen eingeht. Im Berufsleben in der Industrie lernte ich, dass man auch den Spezifikationen der teuersten Messgeräte nicht trauen kann, weil Qualität in unserer Gesellschaft (auch in den erhabensten Firmen) immer erst nach dem Profit von Bedeutung ist. Und nun sehe ich, daß auch die Schulmedizin, in der die angeblich ausgetüftelsten Methoden und Geräte zum Einsatz kommen, bei so wichtigen aber auch althergebrachten Untersuchungen wie mit dem Ultraschall immer noch auf weitreichende und schwerwiegende Einschätzungen des praktizierenden Arztes angewiesen ist und damit ganz einfach immer wieder versagt. Aus den harten Aussagen der Lehrbücher und den Meßergebnissen der Geräte kann nicht absolut kausal auf eine vorliegende Situation geschlossen werden. Albert Einstein hat angesichts der Rechnungen mit Wahrscheinlichkeiten und Zufällen, mit denen die Quantenmechanik umgeht, den Ausspruch getätigt: "Gott würfelt nicht!" - nun, ich sage: "Doch, er würfelt...!", und dieses eine Mal hat sich eine für mich gute Seite des Würfels ergeben.

Ich bin kein Arzt und dennoch rate ich nach dieser Geschichte dringend jeder Frau, die ihren Kinderwunsch hegt, daß sie sich mit einer Abortabrasio, sprich einer Ausschabung, Zeit läßt, wenn man bei ihr ein Windei diagnostiziert hat und keine weitere Gefahr für ihre eigene Gesundheit besteht. Zwischen der Diagnose "leerer Fruchtsack" und einem Fötus mit schlagenden Herzen auf dem Ultraschallgerät lagen bei uns nur viereinhalb Tage, und ich habe in beiden Fällen mit dem eigenen Auge die Bilder auf dem Monitor gesehen und staune selbst.

31. Dezember 2006
:-Olli

Heute war der große Tag: Termin beim Frauenarzt, dem Vertreter unseres eigentlichen. Vor Aufregung hatte ich es kaum noch ausgehalten, war vor Spannung zum Platzen gespannt. Im Sprechzimmer dann die Gewissheit: Alles gut, meine Frau trägt in sich einen ca. 2,2cm großen Fötus mit schlagendem Herzen! "Alles normal.", so der Arzt. Er war der erste, der uns gratulierte, und in dem Moment, in dem er mir die Hand schüttelte war ich der glücklichste Mann der Welt. Wenn ich nur "etwas" mehr Taschengeld dabei gehabt hätte, ich hätte das Angebot des Frauenarztes angenommen und ihm sein Ultraschallgerät angekauft ;-D

8. Januar 2007
:-Olli

Inzwischen sind elf weitere Tage vergangen, und wir hatten heute wieder einen Termin beim Frauenarzt: Und zwar bei demjenigen, der im Dezember das Windei diagnostiziert hat! Wir sind bei ihm geblieben, denn einerseits ist es schwer, eine Arztpraxis zu finden, in der man eine entspannte und gemütliche Atmosphäre vorfindet und sich nicht wie am Fließband vorkommt, andererseits haben wir seinerzeit selbst die Ultraschallbilder gesehen und wollen nun nicht ihm allein die Schuld an der Entscheidung zur Ausschabung geben.

Natürlich war ich wieder aufgeregt! Doch weiterhin sieht alles gut aus. Nein, nicht einfach nur gut: Es ist das schönste Baby der Welt ;-) Heute war es bereits ca. 3,76cm groß. Ich hätte ewig dasitzen, gucken und mich wundern können: Ein unbeschreibliches Gefühl der Freude, wenn man sieht, wie der Fötus sich sogar bewegt! Vater und Kind haben sich einander zugewunken... :-D

19. Januar 2007
:-Olli

Es sind seit den obigen Ereignissen inzwischen mehr als sechs Jahre vergangen: Das Kind kam nach einer im weiteren Verlauf völlig normalen Schwangerschaft zur Welt. Auf dem folgenden stilisierten Bild lächelt es im Alter von sechs Monaten in die Kamera.

11. Mai 2013
:-Olli

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